Welchen Bezug bzw. welche Verbindung hast du zur schwedischen Musik?

Wer in den 70er Jahren groß wurde, hatte gar keine Wahl. Er musste ein Schweden-Freund werden. Das hatte einen ganz einfachen Grund, den man auf einen Namen, auf eine Person reduzieren kann: Astrid Lindgren. Anders als heute, als eigene Kanäle für Kinder beinahe rund um die Uhr mehr oder weniger kindgerechte Sendungen zeigen, gab es in den 70er Jahren den Begriff „Kinderstunde“. Denn mehr als eine Stunde wollten die TV-Bosse in den damals nur drei deutschen Programmen ihren kleinen Zuschauern nicht einräumen. Und diese „Kinderstunde“ wurde mangels einer ausreichenden Anzahl deutscher Produktionen neben tschechischen Sendungen („Pan Tau“ und Co.) vor allem mit den Figuren und Welten von Astrid Lindgren gefüllt.

„Pippi Langstrumpf“, „Saltkrokan“, „Wir Kinder aus Bullerbü“, „Michel/Emil aus Lönneberga“, „Karlsson vom Dach“, „Die Brüder Löwenherz“, „Madita“ und später noch „Ronja Räubertochter“ – jeder, der in den späten 60er Jahren (wie der Autor dieser Zeilen) oder den frühen 70ern geboren wurde, kennt diese TV-Serien nahezu auswendig, kann die Dialoge mitsprechen. Gerade weil es so wenig Angebot gab, hinterließen diese Filme und Serien in der „Kinderstunde“ (und auch die Bücher, die man sich dann in der Stadtbücherei dazu auslieh) einen so ungemein prägenden Eindruck. Sie stehen gerade für all das, was im Idealfall eine glückliche Kindheit ausmachte.

Und die Astrid-Lindgren-Welt hatten eben noch einen ganz anderen Nebeneffekt: Denn selbst als Kind wusste man, dass in diesen Serien nicht in Deutschland, sondern in einem Land namens Schweden spielten. Das mag mal ein fiktives Schweden, mal ein längst vergangenes Schweden, mal aber auch ein zeitgenössisches Schweden gewesen sein. Immer jedoch war es ein Land, das ein bisschen fröhlicher, ein bisschen abenteuerlicher und ein bisschen besser erschien als die Welt, die man vor der eigenen Haustür vorfand. Schweden wurde auf diese Weise ein Sehnsuchtsland wie es einst für Goethe Italien war.

Und die Musik spielte darin eine ganz wichtige Rolle. Nicht nur wurde in den Serien immer wieder gesungen, sie hatten vor allem Titelmelodien, die ein wenig fremdartig, aber eben doch faszinierend klangen. Das war keine von Auftragskomponisten verfasste Kindermusik im Kindchenschema, wie sie heute in unüberschaubarer Menge angeboten wird. Nein, die Songs wie das unsterbliche „Pippi Langstrumpf“-Lied oder die romantischen „Saltkrokan“-Klänge waren hochwertige Produktionen mit spannenden Arrangements und höchst eingängigen Melodien.

Und das konnte man auch von einem anderen schwedischen Exportschlager sagen, der damals ab Mitte der 70er Jahre einen weltweiten Siegeszug antrat: Abba. So wie jeder die Astrid-Lindgren-Serien kannte, so kannte jeder die Abba-Songs. Auch hier war bekannt, dass die vier jungen Damen und Herren aus Schweden kamen, wenn sie etwa mal wieder in Ilja Richters „disco“ auftraten oder im Radio liefen. Zusammen mit Astrid Lindgren waren Abba schlichtweg die idealen Botschafter für ihr Land: sympathisch, kreativ und in dem, was sie machten, einfach unwiderstehlich.

Auch wenn es vor Abba die bereits international erfolgreichen Spotnicks gab, so waren Abba doch der wahre Türöffner für ein Land, das – genau wie Deutschland – zuvor keinen richtigen Platz in der anglo-amerikanisch dominierten Poplandschaft hatte. Mit Abba begann ein Reigen von international erfolgreichen Künstlern aus Schweden, die man zunächst nicht gut fand, weil sie aus Schweden kamen, sondern weil sie eben gut waren. Erst als popmusikalisch Interessierter begann man, sich allmählich Fragen zu stellen – etwa: Wie kommt es, dass aus einem so kleinen Land wie Schweden so viel gute Musik stammt? Auch wenn die Gelehrten in unzähligen Aufsätzen und Panels darauf noch keine letztgültige Antwort gefunden haben, so spielt das im Grunde auch keine entscheidende Rolle.

Wichtig ist vielmehr, dass die Tür für Kunst und Kultur, vor allem aber aus Musik aus Schweden dadurch immer weit offen stand. Die Künstler jener Jahre haben für meine Generation den Boden bereitet auch für spätere, junge Bands von heute. In meiner Plattensammlung jedenfalls haben Abba (sowie die Soloveröffentlichungen von Agnetha und Frida), Harpo, Siw Malmkvist, Bo Hansson, Secret Service, Europe, Jonas Hellborg, Roxette, die Cardigans, Nils Landgren, aber auch neuere Acts wie The Soundtrack Of Our Lives, Lykke Li, Robyn, In Flames, First Aid Kit, The Knife oder Avicii ihren festen Platz gefunden. Ach ja, die Soundtracks und Hörspielplatten von Astrid Lindgren stehen dort natürlich auch noch.

Welche Künstler & Lieder, die du womöglich mit Erinnerungen & Gefühlen verbindest, haben es dir besonders angetan? 


1. Pippi Langstrumpf/Diverse Künstler – Hei, Pippi Langstrumpf

pippi bear alt

Inzwischen hat der Titelsong aus der „Pippi Langstrumpf“-TV-Serie (und den daraus zusammengestellten Spielfilmen) längst Volksliedcharakter: Er wird in Fußballstadien angestimmt und hat zahllose Neufassungen überlebt – darunter einen gnadenlosen Techno-Remix. Aber das deutsche Original, für den Wolfgang Franke und Helmut Harun den schwedischen Text von Astrid Lindgren übersetzt haben, bleibt eben doch unübertroffen. Er hat in den 70er Jahren eine ganze Generation geprägt – und steht zudem vorbildhaft für eine deutsch-schwedische Zusammenarbeit, da die von 1968 bis 1970 gedrehte TV-Serie eine Koproduktion der beiden Länder war. In wenigen Zeilen fasst das Lied zudem die Philosophie von Astrid Lindgren zusammen – von einer Welt, in der sich Kinder die Welt so machen dürfen, wie sie ihnen gefällt. Aber auch die Komposition des deutschen Konrad Elfers und seines schwedischen Partners, dem bereits 1968 bei einem Autounfall verstorbenen Jan Johansson, hat etwas Magisches, wie sie alle sieben Töne der reinen Dur-Skala verwendet und dabei doch eine melodische Raffinesse in höchster Vollendung erreicht. So war es dann auch dieser Song, den ich als ersten auf der Gitarre mir rein nach Gehör zusammensuchte – und noch heute ist er fixer Bestandteil bei meinen solistischen Einlagen auf der Bühne, zaubert er doch immer ein Lächeln in die Gesichter aller Zuhörer.

2. Bo Hansson – The Black Riders & Flight To The Ford

bo bear alt

Meine Schwester ist ein großer „Herr der Ringe“-Fan und kam deswegen irgendwann mit einer LP nach Hause, auf der ein gewisser Bo Hansson 1972 lange vor der ersten Verfilmung den Tolkien-Stoff in atmosphärische Musik gekleidett hatte. Und diese mitunter düsteren Klänge – irgendwo zwischen Trance und Ethno – faszinierten mich sofort. Besonders das rhythmische Stück, das die Flucht Frodos vor den Schwarzen Reitern zum rettenden Elben-Fjord kongenial in Musik umsetzt, hatte es mir angetan. Meine Bewunderung für den schwedischen Komponisten und Musiker stieg dann noch ein erhebliches Stück, als ich auf einem Jimi-Hendrix-Konzertmitschnitt eine Ansage zu dem Instrumentalsong „Tax Free“ hörte. Hendrix erzählte, er hätte dieses Stück von einer Schweden-Tour mitgebracht, als er in Stockholm mit „two Swedish cats named Hansson and Carlsson“ gejammt hätte. Ich vermutete richtig: Jener Hansson war natürlich mein „Herr der Ringe“-Hansson. Als kleines Dankeschön für die großartige Musik gab ich übrigens Jahre später etwas an Schweden – oder zumindest an eine Schwedin – zurück: Wir hatten im Verlag einmal eine schwedische Praktikantin, die ansonsten recht schweigsam war, aber plötzlich nachfrage, was denn da für Musik liefe, als ich wieder einmal die „Lord Of The Rings“-CD von Hansson aufgelegt hatte. Sie staunte nicht schlecht, als ich ihr erklärte, dass das ein Landsmann von ihr sei, der in Schweden einst ein musikalisches Mittelerde errichtet hatte.

3. Abba – Kisses Of Fire

Abba bear altMit Abba fängt natürlich alles an. So auch bei mir. Die vier Schweden waren immer präsent und ich liebte ihre Musik, seitdem ich im Alter von sechs Jahren anfing, mit einem primitiven Kassettenrekorder Musik aus dem Fernsehen aufzunehmen. Über jeden Abba-Song, den ich so auf Kassette bekam, freute ich mich ungemein, doch irgendwann reichte das nicht mehr aus. So kam es, dass meine erste Schallplatte, die ich mir zu meinem zehnten Geburtstag wünschte, eine von Abba war – und zwar die nur in den Niederlanden und Deutschland erschienene Zusammenstellung „A wie Abba“. Gewählt für diese Umfrage habe ich jedoch einen nicht auf dieser Platte erhaltenen Song, nämlich „Kisses Of Fire“, die B-Seite von „Does Your Mother Know“, eine Single aus dem „Voulez Vous“-Album von 1979. Dieser Song lief häufig im Radio, als wir damals im Familienurlaub an der Ostsee waren. Das treibende Disco-Stück wurde mein persönlicher Soundtrack jener idyllischen Zeit – und ich weiß noch, wie ich am Ostseestand von Stein bei Laboe stand, auf den Meereshorizont blickte und bei mir dachte, irgendwo dahinten liegt Schweden – das Land, aus dem diese wundervolle Musik stammt.

4. Secret Service – Flash In The Night

Secret Service bear altDie 80er Jahre sind ein missverstandenes Jahrzehnt. Auf die Dekade wird eingeprügelt wie keine andere – als das Jahrzehnt der großen Geschmacklosigkeiten. Dabei haben die 80er so unterschiedliche Stile wie Synthie-Pop, die Neue Deutsche Welle, Death Metal und später gar noch Techno hervorgebracht. Und sie waren zufällig das Jahrzehnt, in dem ich als Jugendlicher mit extrem offenen Ohren durch die Welt ging und auf diese Weise eine Allianz zwischen deutschem Schlager und schwedischen Electro-Pop entdeckte. Denn es war kein Geringerer als Schlagerlegende Wolfgang Petry, der mit „Ganz oder gar nicht“ und „Jessica“ gleich zwei Songs der schwedischen Band Secret Service coverte – oder wie Dieter Thomas Heck in der „ZDF Hitparade“ immer sagte: „deutsche Originalversion“ schuf – (und zwar in diesem Fall von „Ten O’ Clock Postman“ und „Ye-Si-Ca“). Ich gebe gern zu, dass ich die Petry-Fassungen mochte, aber die schwedischen Originale hatten dann doch das gewisse Etwas, das einen dazu brachte, mehr über diese Band erfahren zu wollen. Und das war nicht so schwer, denn die Hits von Secret Service liefen im deutschen Radio rauf und runter und ihre 1982 erschienene „Best Of“-LP war auch hierzulande ein großer Erfolg. Mein Favorit aus dieser Platte ist „Flash In The Night“, ein Song, der raffiniert elektronische Soundlandschaften mit der Pop-Sensibilität ganz in der Abba-Tradition verbindet.

5. The Cardigans – For What It’s Worth

Nina Persson bear altJe älter man wird, umso schwerer fällt es einem, sich richtig in neue Musik zu verlieben. Sicherlich gibt es immer wieder Musik, die man gut oder sehr gut findet, aber nur ganz selten erobern Songs, Alben oder Bands so völlig dein Herz, wie das in den Kinder- und Jugendtagen beinahe täglich zu passieren schien. Doch die Cardigans waren so eine Ausnahme, die den Enthusiasmus vergangener Jahre wieder neu erweckten. Im Nachtprogramm von MTV entdeckte ich einst „Rise And Shine“, einen ihrer frühen Songs – und war sofort hin und weg. Was für ein Song, was für eine Stimme, was für eine Frau! Und aus Schweden kamen sie auch noch, wie ich erst nach einiger Zeit in diesen Prä-Internettagen erfuhr. Ich verfolgte jede ihrer Veröffentlichung mit großer Hingabe, sah sie – leider – nur ein einziges Mal live und möchte hier auf einen Song aus ihrem vorletzten Studioalbum verweisen, dem erwachsen klingenden „Long Gone Before Daylight“ aus dem Jahr 2003, „For What It’s Worth“. Das Stück (vom Titel her zugleich eine Verbeugung vor dem gleichnamigen Buffalo-Springfield-Klassiker) mag nicht mehr so kommerziell eingängig wie jene ersten Singles sein, aber es verbreitet einen sanften Swing, der mit der darunter verborgenen Melancholie ein Auskommen gefunden zu haben scheint. Das ist Schönheit, die schon beinahe nicht mehr von dieser Welt ist. Dass aber auch ein Cardigan ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, sah ich, als mir eines Tages im Verlagsgebäude die leibhaftige Nina Persson entgegen kam, die – wie ich später erfuhr – bei uns einen PR-Termin wahrnahm (von dem mir unser Redaktionsleiter jedoch nichts gesagt hatte). Ich war jedoch so überrascht und positiv geschockt, dass ich nichts herausbrachte und die Chance verstreichen ließ, ihr ein im besten Abba-Sinne „Thank you for the music“ zu sagen.

Dietmar bear

Wer ist Dietmar Schwenger?

Während seines Germanistik- und Philosophiestudiums, das er 1996 abschloss, war der 1969 geborene Dietmar Schwenger bereits als Musiker und Journalist aktiv. Er spielte in seiner Heimatstadt Bochum Bass in verschiedenen Formationen – von der Rock- über Cover- bis zur Big Band. Seine Laufbahn als Journalist begann Schwenger beim Magazin der Musikschule Bochum.

1999 ging er nach München, wo er seitdem als Redakteur für die Branchenfachzeitschrift MusikWoche arbeitet, aber auch für Magazine wie „Rolling Stone“, „Musikexpress“, „Classic Rock“, „Sono“, „in münchen“ und „Maxim“ Beiträge geschrieben hat.

Bei MusikWoche ist Schwenger unter anderem für internationale Events und Festivals zuständig. Der passionierte Plattensammler schreibt zudem über aktuelle Marktentwicklungen im Bereich Live Entertainment, verfasst für die 1993 gegründete Fachzeitschrift aber auch wöchentlich Rezensionen über CD- und DVD-Neuerscheinungen. Als Moderator hat der MusikWoche-Redakteur unter anderem für das Reeperbahn Festival, Eurosonic Noorderslag, das Amsterdam Dance Event, die Popkomm sowie die Buchmesse und Musikmesse Frankfurt Expertenrunden geleitet.

.