Welchen Bezug bzw. welche Verbindung hast du zur schwedischen Musik?

Schon früh war mir klar, dass ich adoptiert sein musste. Es passte charakterlich einfach nicht und außerdem war ich der einzige Blonde in der Familie. Die Schreibweise meines Vornamens, sowie der skandinavisch anmutende Nachname führten selbstverständlich nach Schweden, mit ziemlicher Sicherheit sogar in den hiesigen Adel. Erst später musste ich lernen, dass die Schreibweise Kristoffer in Norwegen um einiges verbreiteter ist und realisierte im selben Zug, dass ich diese Nase nur von meiner Mutter geerbt haben konnte. Tja. Von meinem bisher einzigen Aufenthalt in Schweden kam ich mit ein paar Baseball-Karten und meinem ersten schwedischen Wort zurück: schackmatt. Auf Deutsch bedeutet das ungefähr so viel wie Schachmatt. Mehr schwedische Wörter lernte ich dann mit 18 Jahren im Rahmen eines VHS-Kurses von einer netten älteren Dame und aus einem Buch mit dem klangvollen Titel Nybörjarsvenska. Ich brachte den Kurs zwar nicht zu Ende, konnte aber immerhin mal auf einer Silvesterparty einer langjährigen Nachbarin weismachen, meine Familie stamme aus Schweden („Jag heter Kristoffer, vi är från Sverige!“), was sie ziemlich fertig machte („Da lebt man so lange nebeneinander her und weiß doch so wenig voneinander!“), was ich wiederum in der Situation sehr lustig fand. Jag är en skitstövel. Schwedische Musik begleitete mich ein Leben lang, bewusst nach ihr Ausschau gehalten habe ich allerdings nie. Als ich allerdings selbst mit dem Musikmachen anfing, wuchs der Neid auf das schwedische Sozialsystem, das neben Gratisunterricht auch Instrumentenverleih vorsah, während ich für einen Telecaster-Knock-Off und Gitarrenstunden bei einem Typen mit Spiegeln an der Hose Zeitungen austragen musste.

Welche Künstler & Lieder, die du womöglich mit Erinnerungen & Gefühlen verbindest, haben es dir besonders angetan? 

1. Refused – Rather Be Dead

The Refused

Es gibt wenige Bands, die mein Leben nachhaltig verändert haben, Refused aber gehören dazu. Einer meiner ersten Berührungspunkte mit Hardcore und gleichzeitig die totale Überwindung aller dazugehörigen Klischees: The Shape Of Punk To Come. Mein Lieblingssong findet sich darauf allerdings nicht, sondern am Anfang von Songs To Fan The Flame Of Discontent: “Rather Be Dead”. Musik, zu der ich mit 13 Jahren fast mein IKEA-Kinderzimmer zerschlagen hätte und zu der ich selbst Ende zwanzig noch schwammige Aggressionen verspüre. Peinlich aber wahr.

2. Meshuggah – Future Breed Machine

meshuggah

Das Extreme hat mich an der Kunst schon immer gereizt. Nach Bands wie Refused schien Meshuggah der nächste logische Schritt: Death Metal in einer Form, deren Rhythmen ich nicht einmal mit einem grafikfähigen Taschenrechner nachvollziehen könnte, wenn sie mir jemand diktieren würde. Tragisch nur, dass sie viele Epigonen mit wenig Skills und Ideen nach sich gezogen, was zur Gründung des unglücklichen Genres Djent geführt hat. Können Meshuggah allerdings nichts für und “Future Breed Machine” funktioniert ebenfalls noch immer genauso gut als Weckton wie als Nacken-Workout. Don’t try this at home, though.

3. The Knife – Heartbeats

theknifeEin Song, der in dieser Liste genauso anfühlt wie ich mich, als er in mein Leben kam: Ziemlich verloren und fehl am Platz. Zu Vorabizeiten saß ich in geschmackvoll dekorierten Wohnzimmern und trank im Pastellambiente teuren Absacker-Grappa anstatt den Bordstein nach Dosenbier abzuschlürfen – und fand plötzlich, wenngleich mit ziemlicher Verspätung, The Knife geil. Was war los, was falsch gelaufen? War ich erwachsen geworden? Und wenn ja, warum fühlte sich das so dumm an? Gut ein Jahrzehnt später kann ich beim Wiederhören von „Heartbeats“ erleichtert attestieren: Nee, war ich nicht, denn sonst wäre ich heute klüger. Den Song mag ich allerdings immer noch gerne, genauso wie ich auf Ewigkeiten den deutschen Titelsong von Sailor Moon lieben werde. Aber auch das nur am Rande.

4. Anna von Hausswolff – Deathbed

Anna von Hausswolff bearbMusikjournalismus ernsthaft zu betreiben bedeutet, dem Zynismus nachzugeben. Von der exkrementalen Post-Industrial-Show bis hin zu mongolischen Kehlkopfgesängen finde ich alles höchstens noch interessant-hm-ja-schon-echt-spannend-so – keineswegs aber epiphan. Anders im Frühherbst 2013, als ich mich inmitten eines furchtbaren Jahres mit einer Platte konfrontierte, die ich zu dem Zeitpunkt eigentlich schon totgehört hatte. Als Anna von Hausswolff aber nach gut drei oder vier Minuten Endlosintro stimmlich einstieg, drückte es mich in Flauschigkeit der Volksbühnensitze und meine Armbehaarung nach außen. War zuvor selten passiert und danach nur bei Jenny Hval & Susanna Anfang 2015. Da die allerdings aus Norwegen kommen, kann ich an dieser Stelle lediglich namedroppen.

5. Arckanum – Svarti

 

Arckanum bearb

À propos Norwegen: Schon in meiner Teenager-Zeit entwickelte ich eine ziemliche Obsession mit Black Metal, die ich irgendwann sogar zu Geld machen konnte: Letztes Jahr schrieb ich für die spex ein Essay über das Genre. Im Rahmen meiner Recherche stolperte ich über das bisher von mir völlig zu Unrecht vernachlässigte Album Antikosmos von Arckanum, einem esoterischen Waldschrat, der auf dieser Platte das Gros der Genre-Facetten mit eleganter Bravour durchspielt und zum Teil weit über den Tellerrand heraus schreitet ohne an Tightness einzubüßen. Schwer, aus einem dicht gestrickten Konzeptalbum einen Favoriten herauszupicken, der Opener „Svarti“ allerdings ist wohl die bestmögliche Vorbereitung für das Kommende in seiner Gesamtheit. Disclaimer: Obwohl bei Arckanum die ideologischen Dumpfheiten fehlen, bestehen doch wohl zumindest persönliche Kontakte zu einigen Bewohnern der Grauzone.

kristoffer cronilsquad

Wer ist Kristoffer Cornils?

Born, raised and bored in Buxtehude, bevor es nach Berlin ging. Dort ambitioniert ein Studium der Literaturwissenschaft angefangen, halbherzig mit Kulturwissenschaft fortgefahren. Voraussichtlicher Studienabschluss: Wenn es irgendwann etwas ruhiger zugeht. Aus reiner dedication to self-exploitation heraus wurde nämlich neben den losen Jobs bei Spex, HHV und dem Label ANTIME ein fester: Eine Stelle als Redakteur bei der Groove. Meine Biografie endet seitdem auf “Lebt und arbeitet online.”

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